Artikel aus „WOHNUNG + GESUNDHEIT“ Nr. 167
Das Interview führte: Gudrun Wasner-Meyer, Herausgeberin der Zeitschrift „der spatz“

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ARCHITEKTUR UND HANDWERK Baubiologie steht für Gesundheit, Qualität, Nachhaltigkeit und schöne Gestaltung. Nun hat jeder Mensch nur ein begrenztes Budget zur Verfügung. Kann man sich trotzdem baubiologisches Wohnen, Bauen und Sanieren leisten? Hierzu Antworten von Winfried Schneider, Architekt und Geschäftsführer des Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN:

Was ist Baubiologie?
„Definitionsgemäß ist Baubiologie die Lehre von den ganzheitlichen Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer gebauten Umwelt“. Ziel ist es, eine gesunde, nachhaltige, schöne und soziale Wohn- und Arbeitsumwelt zu schaffen.

Das hört sich nach teuer an?
Überhaupt nicht. Erklärtes Ziel in der Baubiologie ist ein preis-wertes und sozialverträgliches Bauen und Wohnen; jeder soll sich ein gesundes und nachhaltiges Wohn- und Arbeitsumfeld leisten können. Zur Verfügung stehen genügend einfache, kostengünstige, regional verfügbare und zum Teil auch im konventionellen Bau eingesetzte Materialien, wie z.B. Holz und andere Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen, Lehm- und Kalkprodukte, Natursteine, sowie einfache Haustechniklösungen.

Ist also baubiologisches Bauen billig?
Letztendlich ja, wobei „billig“ eher für minderwertig und einfallslos steht. „Preis-wert“, also seinen Preis wert, passt deutlich besser. Der tatsächliche Preis setzt sich zusammen aus einer individuellen und einer gesellschaftlichen Komponente. Zur individuellen Komponente: Es gibt Bauherren, die wenig Geld haben und aus der Not oder auch aus Überzeugung eine Tugend machen. Mit großem Spaß, Kreativität und Eigenleistung erstellen sie einfache, kostengünstige und dennoch schön gestaltete Häuser, Wohnungen und Inneneinrichtungen. Auf diese Weise entstehen oft spannende und sehr preiswerte Projekte mit Lehm aus der Baugrube, Steinen aus der Umgebung, Holz vom Sägewerk um die Ecke, wiederverwendeten Bauteilen z.B. aus Abrisshäusern, selbst geschreinerten Möbeln, sogenannte Minihäuser usw. Trendforscher sehen aktuell im „Do it yourself“ bzw. „Maker Movement“ den Beginn einer Wende. Natürlich gibt es auch Bauherren, die haben nicht die Zeit, das Know-how oder die Möglichkeiten für viel Eigenleistung. Diese können sparen durch die Verwendung einfacher Materialien, Inneneinrichtungen und Haustechniklösungen, raumsparend optimierte Grundrisse, Beauftragung der „richtigen“ Planer und Handwerker mit Erfahrung im baubiologischen Bau und Reduzierung auf das Wesentliche (siehe auch Infokasten).

Von Bauherren noch viel zu wenig genutzt werden die Einsparmöglichkeiten und Vorteile durch gemeinschaftliches Wohnen und Bauen. Meist sind nur Investoren so schlau, z.B. durch den Bau von Mehrfamilienhäusern ihre Rendite zu verbessern.

Übrigens ist es nicht in Ordnung, wenn Kosten z.B. für einen erhöhten Wärmeschutz, Sonnenkollektoren, Photovoltaik oder Regenwasserbewirtschaftung der Baubiologie in die Schuhe geschoben werden. Auch wenn es sich um baubiologisch betrachtet willkommene Ausführungen handelt, würden solche Kosten auch im konventionellen Bau entstehen.

Und inwiefern haben Baukosten eine gesellschaftliche Komponente?
Beim konventionellen Bauen und Wohnen werden erhebliche Kosten verursacht, welche die Allgemeinheit, also über Umwege auch jeder Bauherr tragen muss. Hierzu zählen z.B. Kosten aufgrund von Umweltschäden und der globalen Klimaerwärmung, Subventionierungen von Energie für energieintensive Unternehmen, aber auch Kosten für medizinische Behandlungen und Frührenten aufgrund entstandener Krankheiten nicht nur von Immobiliennutzern, sondern auch von Handwerkern, Mitarbeitern bei Baustoffherstellern und -händlern usw. Die so verursachten Mehrkosten werden auf ca. 10 % der Bau- und Wohnkosten geschätzt und müssen von allen Bürgern u.a. über Steuer- und Versicherungskosten getragen werden. Um die Ursachen zu beheben, statt die negativen Folgen zu finanzieren, wäre vor allem die Politik gefordert. Diese sollte für faire Marktbedingungen und Unterstützung gesundheitsbewusster und ökologischer Lösungen und Sanierungen sorgen. Krankenkassen sollten zumindest baubiologische Beratungen, Planungen und Messungen bezuschussen, nicht umsonst werden Baubiologen auch Haus-Ärzte genannt. Durch solche sinnvolle Maßnahmen bekämen nicht zuletzt auch die vielen kleinen und engagierten Handwerker, Firmen und Baustoffhersteller baubiologischer Produkte und Bauweisen die vielfach nötige und eben auch faire Unterstützung. Schließlich entstehen Preise auch nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage.

Lohnt es sich auch für Arbeitgeber, für ein baubiologisches Arbeitsumfeld zu sorgen?
Gute und wichtige Frage: Es ist oft unbegreiflich, unter welchen Bedingungen viele Arbeitnehmer arbeiten müssen. Aufgrund von Schadstoffen, Schimmel, Elektrosmog, Lärm, schlechtem Raumklima und Licht, aber auch einer kalten und unbehaglichen Raumatmosphäre werden die betroffenen Menschen nicht nur krank, sondern es sinkt auch deren Arbeitsleistung durch Motivationsprobleme, Unwohlsein, Kopfschmerzen, Krankheiten usw. Man spricht auch vom Sick-Building-Syndrom. Arbeitgeber sind also auch aus rein ökonomischen Gründen gut beraten, ihren Mitarbeitern ein baubiologisch konzipiertes Arbeitsumfeld zu bieten.

Nun konkret: Was kostet baubiologisches Bauen?
Wer mit einfachen Mitteln baubiologisch baut, zahlt sogar weniger, als im konventionellen Bau üblich. Auf jeden Fall kann das baubiologischen Bauen und Wohnen preislich mit konventionellen Lösungen mithalten, vor allem dann, wenn man nicht kurzfristig, sondern mittel- bis langfristig denkt und handelt und Amortisationszeiten berücksichtigt.

Generell gilt, ein gesundes und nachhaltiges Leben und Handeln, also auch baubiologisches Bauen ist nicht billig, sondern preiswert, will heißen, ist ganzheitlich betrachtet seinen Preis wert, zumal man damit langfristig Qualität und ein gesundes, wohltuendes und schön gestaltetes Wohn- und Arbeitsumfeld erhält. Letztendlich ist es ähnlich wie in fast allen Bereichen, so z.B. auch bei Lebensmitteln: Obst aus ökologischem Anbau, angebaut, geerntet und gehandelt unter fairen Bedingungen ist eben aus guten Gründen etwas teurer als Obst aus einer industrialisierten Landwirtschaft und vom Billigdiscounter. Dennoch ist auch dies eine Investition im Sinne einer nachhaltigen, also zukunftsfähigen Gesellschaft.